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Kreativität

Eine Geschichte mit Interpretation:

Ein Mann (man möge mir verzeihen, dass es keine Frau war) wohnte einst in einem kleinen Häuschen am Rande einer großen Stadt. Diesese Haus hatte er von seinem Vater geerbt, der es wieder von seinem Vater geerbt hatte. Und wie man so seine alten Erbstücke liebt, liebte auch unser Mann sein Haus.

So kümmerte er sich um sein Haus, so gut er konnte. Aber weil er auch noch eine Arbeit hatte, hate er wenig Zeit für sein Haus. Und so kam es, dass sein Haus zwar ein dichtes Dach und dichte Fenster und Türen hatte, aber sonst recht grau und trübe aussah. Und jedesmal, wenn er durch das Gartentor kam, hörte mann ihn stöhnen: „An dem Haus müsste ja noch so viel gemacht werden. Wie soll ich das nur je schaffen?“ Danach ging er gewöhnlich in sein Haus und fing missmutig an, in seinem grauen Esszimmer den alten Tisch zu decken.

Er hatte keine Familie. So aß er schweigen und einsam sein Abendbrot. Und weil er auch selten (eigentlich nie) wegging, hatte er auch keinen Grund, sich damit zu beeilen.

Des Morgens ging er auf der gleichen Straße zur Arbeit, wie er abends heimkam. Tagaus, tagein. Er war mächtig stolz auf die gerade Straße, so konnte er geradewegs von der Arbeit nach Hause gehen. Er musste weder rechts noch links abbiegen. Dies ermöglichte es ihm, schnell nach Hause zu kommen. Und er hatte es immer eilig. Schließlich wartete zu Hause eine Menge Arbeit auf ihn. Und so hatte er auch keine Zeit sich rechts und links die Gegend anzusehen.

Eines Tages, er war gerade auf dem Heimweg, geschah es, dass die Straße gesperrt war. Er kam nicht weiter. Was sollte er tun? Er kam nicht mehr weiter. Sollte er umkehren? Aber da wäre er je ewig unterwegs!

Und während er noch so überlegte, entdeckte er einen kleinen, verwilderten Trampelpfad, der rechts in die Wiesen führte. Sollte er es riskieren diesen unbequemen Weg zu gehen? Lauter Kurven, Gräser und Wurzeln! Aber es half alles nichts. Wenigstens führte er halbwegs in seine Richtung. Und was hatte er schon zu verlieren.

Er machte sich also auf den Weg. Missmutig setzte er einen Fuß vor den anderen. Den Bick streng auf den Weg gerichtet, damit er nicht über eine Wurzel stolperte, stapfte er durch die Wiese. So wanderte er ewig -- es müssen Stunden gewesen sein -- auf diesem Weg entlang. Gedankenverloren streiften seine Hände das Gras am Wegesrand. Gelegentlich riss er einen Grashalm ab und zerpflückte die Rispe, jedes Korn einzeln. Irgendwann rwischte er eine Kamille, der er jedes Blütenblatt einzeln ausrupfte. Und als er zu Hause ankam, war gerade noch eine einzige Blüte an der Pflanze unversehrt.

Er wollte die Pflanze gerade beiseite werfen, da entschloss er sich, die letzte Blüte in eine Vase zu stellen. Sie wirkte recht einsam auf dem Abendbrottisch, aber sie brachte ein wenig Farbe ins Haus.

Am nächsten Tag auf dem Heimweg entsann er sich der einsamen Kamille und lies seinen Blick über die Landschaft schweifen. Der Weg führte zunächst eben nach rechts weg. Rechts und links vom Weg lag eine große Wiese. Hier blühten viele verschiedene Blumen. Er pflückte sich einen Strauß und ging weiter.

Bald machte der Weg eine Biegung nach Links und führte an einem Hang entlang. Auch hier standen viele verschiedene Blumen auf der Wiese. Die waren viel schöner, als die, die er in der Hand hatte, aber dafür war ja morgen auch noch ein Tag. Jetzt interessierte ihn viel mehr der Blick ins Tal. Eine herrliche Aussicht auf die Stadt mit ihren Häusern, Kirchtürmen, Straßen und Plätzen. Sein Herz wurde leichter bei diesem Anblick.

Und als er weiterging, bemerkte er, dass sein Weg durch einen Wald führte. Hier gab es Heidelbeeren und im Herbst würde es bestimmt auch viele Pilze geben. Er liebte es, Pilze zu sammeln, auch wenn er selbst keine aß. Aber dafür fände sich bestimmt ein Abnehmer. Vielleicht die nette Kollegin von nebenan? Jedenfalls schien ihm hier keiner die Pilze vor der Nase wegzunehmen.

Und wie er noch so über seine Sammelleidenschft philosiphierte, kam er an sein Gartentor. Der Garten sah wirklich sehr verwildert aus! Der Gartenzaun war morsch geworden und zusammengebrochen, die Beete voller Unkraut und am Pfirsischbaum hingen noch die verfaulten Mumien vom letzten Jahr.

Aber das alles hinderte die Rosen nicht daran, herrlich zu blühen. Die Sträucher waren übermannshoch, bestachen aber gerade dadurch mit eine ungepflegten Schönheit, die unserem Mann völlig fremd war. Auch auf den Beeten wuchsen Blumen: Studentenblumen und Kosmea hatten sich zwischen den Unkräutern ausgebreitet.

Zum ersten Mal wirkte sein Haus nicht traurig auf den Mann. Er würde es eher mit rustikal oder abenteuerlich bezeichnen. Er stellte die Blumen in einer Vase auf den Tisch, holte eine Flasche Wein aus dem Keller, ein Buch aus dem Wohnzimmer und den alten Liegestuhl aus dem Schuppen. Er hatte es ja immer schon gewusst: Er hatte ein schönes Haus. Und das musste gefeiert werden. Zwar hatte er keine Gäste, aber für den Anfang war ein gemütlicher Abend mit einem Buch und einem Gläschen Wein genau das richtige.

Am nächsten Morgen machte er sich sogar die Mühe, im Schlafzimmer den Fensterladen zu öffnen. Eine herrliche Morgensonne strahlte plötzlich ins Zimmer und er blieb vor erstaunen wie angewurzelt stehen. Hinter dem Fenster neigte sich der Hang genau zu dem Tal, an dem er gestern erst entlanggegangen war.

Fröhlich machte er sich auf den Arbeitsweg. Und abends brachte er sich wieder Blumen mit. So machte er es jetzt jeden Tag. Nach dem Sommer kam der Herbst, da sammelte er tatsächlich Pilze und brachte sie seinen Kollegen mit. Die Tage wurden kürzer und bald kam er schon im Dunkeln zu Hause an.

Jetzt saß er abends nicht mehr im Garten, sondern stellte seine Blumen im Wohnzimmer auf. Und plötzlich fiel ihm auf, wie grau die Wand schon geworden war. Er hatte sich aber so an die Farben gewöhnt, dass ihm das Grau jetzt jämmerlich erschien. Also machte er am nächsten Tag einen Abstecher in den Baumarkt, kaufte sich frische Farbe und machte sich an die Arbeit. Er räumte ein Zimmer aus, strich die Wände, Türen und Fenster und räumte das Zimmer hinterher wieder ein. Danach kam das nächste dran.

So begann er, Schritt für Schritt, sein Haus auf Vordermann zu bringen. Und kurz vor Weihnachten war er damit fertig. Nur ein Christbaum fehlte ihm noch. Aber auch der fand sich in seinem Garten.

Dann kam der erste Schnee und die Eisblumen blühten an seinen Fensterscheiben. Er ging immer noch über die Wiese, auch wenn der Weg nach einigen Tagen ein wenig rutschig wurde. Nur einmal noch ging er die Straße entlang. Ich weiß auch nicht mehr, wieso. Vielleicht wollte er einmal wissen, um wieviel dieser Weg kürzer ist. Aber erstaunlicherweise dauerte der Weg auf der glatten Straße länger, als auf dem holprigen Trampelpfad…

Hier soll jetzt erst einmal Schluss sein. Was hat das aber mit Kreativität zu tun? Nun auch hier gilt die alte Wandererweisheit: „Abkürzungen dauern immer länger.“

Ich habe mich lange Zeit gefragt, warum ich nicht kreativ sein kann. Das einzige, was mir bis dahin auffiel, war, dass ich nicht warm wurde. Immer wenn irgendwas zu tun war, hatten wir den geraden Weg zum Ziel vor Augen. Ich verzweifelte bald, warum ich so unkreativ war.

Tja, und dann kam jemand und meinte: „Du bist kreativ.“ Mir fehle nur der Anstoß, die Technik um diese Kreativität zu nutzen. Das klang einleuchtend. Ich hatte schon vorher einfache Techniken angewendet, um menschliche Probleme einfacher zu lösen. Warum sollte das hier nicht auch helfen?

Ich denke, das große Problem mit unserer Kreativität ist nicht, dass wir sie nicht hätten, sondern dass wir sie nicht einsetzen. Dass wir zu sehr auf unser Ziel sehen, wo Kreativität etwas damit zu tun hat, das Ziel zunächst aus den Augen zu verlieren, um dann von hinten durch die Brust ins Auge doch noch anzukommen. Aber dass lernt man leider nicht in der Schule.

Brainstorming ist eine Möglichkeit, wenn es gilt viel Stoff zu sammeln. Gelegentlich kann es sein, dass man nicht einfach nur Begriffe anbringen muss, sondern die einer Brücke gleich untermauern muss…

So das soll erstmal die Grundidee sein. Vielleicht hat ja jemand den einen oder anderen Kommentar dazu.